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Was heißt eigentlich Mitbestimmung auf Englisch?

Was heißt eigentlich Mitbestimmung auf Englisch?

In der IT Branche gibt es viele junge, multinationale Unternehmen, die sich selber als familiär mit flachen Hierarchien bezeichnen. Hier sei es einfach sich auszutauschen, da eine Führungskraft wie eine Freundin oder ein Freund sei. Wie in einer Familie lassen sich Unstimmigkeiten klären und „dreckige Wäsche“ wird natürlich nur „Zuhause“ gewachsen.

Wächst die Familie bzw. Firma und ist irgendwann so groß, so dass sich Probleme nicht mehr durch einen Plausch beim Kaffee lösen lassen, fangen auch die flachen Hierarchien an zu wachsen.

Aber was hat dies mit der Fragen nach dem englischen Wort für Mitbestimmung zu tun?

Vielleicht haben einige es bereits aus der Presse entnommen, dass in einem großen jungen modernen IT Unternehmen in Hamburg Mitbestimmung, wie sie das Betriebsverfassungsgesetz vorsieht, nicht erwünscht ist.

Zum Sachverhalt, Ende November erhielten 28 Personen jeweils ihre Kündigung, fristgerecht, ohne Angabe von Gründen und mit sofortiger Freistellung vom Dienst. Ins Grübeln kommen die meisten, wenn sie erfahren, dass genau diese Gruppe von Menschen sich seit einiger Zeit darüber ausgetauscht haben, ob ein Betriebsrat eine sinnvolle Ergänzung für das Unternehmen wäre.

Um zu erfahren, wie eine Betriebsratswahl durchzuführen ist, wandten sie sich an die Gewerkschaft ver.di.

Geplant war die Betriebsratswahl Anfang 2016 einzuleiten. Zur Vorbereitung hatte die Gruppe innerbetrieblich über einen Informationsflyer für die Beschäftigten diskutiert und einen Termin mit der Gewerkschaft ver.di vereinbart um zu besprechen wie und wo im Unternehmen die Information verteilt werden könnte. Überraschenderweise wurden genau an diesem Tag und zum vereinbarten Zeitpunkt des Treffens, die Kündigungen ausgesprochen, mit der Aufforderung das Unternehmen sofort zu verlassen.

Die Betroffenen wehren sich dagegen mit einer Kündigungsschutzklage vor dem Gericht. Sie werden dabei rechtlich von ver.di unterstützt.

Und trotz dieser Reaktion waren die Betroffenen der Auffassung die Wahl eines Betriebsrates weiter zu verfolgen. Klar war hierbei von Anfang an, dass keine und keiner aus dieser Gruppe dadurch eine bessere Chance hat, wieder in diesem Betrieb eingestellt zu werden.

Auch die Presse bekam Wind von dieser Sache, bereits am 27. November 2015 berichtet zum Beispiel mediabiz über Entlassungen wegen versuchter Betriebsratsgründung. Weitere Berichterstattungen gab es auch im Hamburger Abendblatt und beim NDR.de mit dem Hamburg Journal.

Inzwischen hat sich viel getan, leider sind die Kündigungen nicht vom Tisch, aber es gibt ein Terminversprechen für eine Betriebsversammlung auf der ein Wahlvorstand gewählt werden könnte. Voraussetzung ist, dass das Unternehmen nicht weiterhin den Prozess verschleppt und die einfache Mehrheit der Anwesenden auf der Betriebsversammlung dafür stimmt. Sicherlich wird es auf der Betriebsversammlung eine lebhafte Diskussion geben, viele Fragen sind zu klären, da ja immer wieder Argumente durch arbeitgebernahe Vertreterinnen und Vertreter vorgebracht werden, warum ein Betriebsrat nicht gut für das Unternehmen ist. Eine interessante Studie in Englisch zeigt jedoch die dynamischen Auswirkungen, die ein Betriebsrat auf die Arbeitsproduktivität erzielen kann, wenn das Management und Interessenvertretung zusammen arbeiten.

Für unseren konkreten Fall bleibt es weiterhin offen, ob Mitte Januar 2016 wirklich der Prozess für die Gründung eines Betriebsrates eingeleitet werden kann.

In Vorbereitung auf eine mögliche Betriebsversammlung hatten wir Mitte Dezember mit einem Teil der Menschen, denen gekündigt wurde, eine Informationsveranstaltung für alle beschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer angeboten. Um einen transparenten und möglichst offenen Diskussionsrahmen zu schaffen, waren leitende Angestellte vor der Veranstaltung gebeten worden zu gehen.

Besucht haben mehr als 100 Interessierte diese Veranstaltung. Notwendig war aus unserer Sicht diese Info-Veranstaltung um den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, ihre Sicht darzustellen. Denn zuvor waren die Inhaber der Firma vor die Beschäftigten getreten um ihre Sicht darzustellen.

Nachdem die Betroffenen die Entwicklung der Dinge aus ihrer Sicht dargestellt hatten, gab es Raum für Nachfragen. Hier einige Beispiele:

Waren alle, denen gekündigt wurde, daran beteiligt einen Betriebsrat zu gründen?

Ungefähr die Hälfte war aktiv eingebunden. Die andere Hälfte war eingebunden in den Informationsaustausch und einige haben auch mal ein dem einen oder anderen Treffen teilgenommen.

Welche Gründe wurden für die Kündigungen genannt?

Den Betroffenen wurde kein Grund genannt.

Habt ihr nachgefragt, warum euch gekündigt wurde, per Email oder in einem persönlichen Gespräch?

Einigen von uns wurde per Email ein persönliches Gespräch angeboten. Grundsätzlich wären wir auch zu diesem Gespräch gegangen, wollten aber vorher die Gründe der Kündigung wissen. Leider gab es dazu keine Rückmeldung und somit auch keinen Termin und Möglichkeit für ein persönliches Gespräch.

Warum habe ihr nicht vorher andere Alternative versucht und seit gleich zu ver.di um einen Betriebsrat zu gründen?

Es gab in der Vergangenheit verschiedene Versuche mit Vorgesetzten bis hin zur Geschäftsleitung Gespräche zu führen. Leider ohne erkennbare Ergebnisse. Die Idee für einen Betriebsrat entstand dann Anfang 2015 und in verschiedenen Diskussionen mit unterschiedlichen Leuten haben wir einen Zeitplan entwickelt. Kontakt zu ver.di hatte wir auch bereits Anfang 2015. Unser Zeitplan wurde dann durch die Kündigungen zerstört und somit stehen wir jetzt da wo wir stehen.

Warum lasst ihr euch von ver.di instrumentalisieren?

Ist eher anders herum. Nach den Kündigungen wussten viele nicht was sie machen sollten, waren überfordert mit der Situation und ver.di war sofort bereit uns zu beraten und zu unterstützen.

Inzwischen gibt es von der Unternehmensseite eine Stellungnahme zu den Kündigungen. Verständlich ist, dass die Sichtweise eine ist, die Arbeitsgebern entspricht, die sich keiner Schuld bewusst sind.

Vielleicht liegt die Problematik darin, dass trotz des Bekenntnisses andere Meinungen zu zulassen, weil dies unheimlich tief in der Firma verankert sei, die Unternehmenskultur in der Realität doch eine andere ist. Als Unternehmenswerte sind auf der Webseite Respekt, Wertschätzung und Vertrauen aufgelistet. Nach all den Vorfällen stellt sich hier die Frage für wenn diese Unternehmenswerte gelten. Das gezeigte Verhalten lässt daran Zweifel und kann auf jeden Fall nicht als Weihnachtsmärchen bezeichnet werden.

Weiter lässt das Verhalten, welches auch wir durch die Geschäftsleitung und deren Anwalt zu spüren bekommen, nicht erkennen, dass es sich um mehr als nur Lippenbekenntnisse, mit dem Ziel Angst und Verunsicherungen zu schüren, handelt. Zu hoffen bleibt, dass auf der für den Januar 2016 geplanten Betriebsversammlung Beschäftigte den Mut finden zu kommen und zu diskutieren. Denn wie die Mitbestimmung nach dem Betriebsverfassungsgesetz ist diese Betriebsversammlung ein demokratischer Prozess, wo die Beschäftigten ohne Angst vor Repressionen eine Entscheidung treffen sollten, die für sie die Richtige ist.

Mitbestimmung auf Englisch heißt übrigens co-deciding!